Jula-Anna Reindell
Inside Out
University of the Arts London
London College of Fashion (LCF)
Studiengang Master of Fashion Design and Technology | 2007–2008
Betreuer:
Darren Cabon,
Dai Rees,
Sue Jenkyn Jones,
Sandy Black



Staatspreis Modedesign
„Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. (...) Überall weicht der Mensch der Berührung durch Fremdes aus.“
Elias Canetti
Das Gefühl von Schönheit und lustvollem Ekel als Motivation für eine Kollektion. Die Idee entstand in der Londoner U-Bahn:
„Vor mir stand eine Frau und auf ihrer weißen Jacke lag ein einzelnes, loses, schwarzes Haar. Bevor ich es realisieren konnte, hatte ich fast das Haar von ihrer Schulter heruntergepickt, im letzten Moment konnte ich mich noch zusammenreißen. Die Angst, in die persönliche Zone zu fassen, die den Menschen wie eine Blase umgibt, war zu groß.“
Auf der einen Seite ist der Zuschauer angezogen durch die Schönheit der Haare, gleichzeitig fühlt er, dass etwas nicht stimmt. Im Betrachter entsteht ein Mischgefühl aus Lust, das Kleidungsstück anzufassen und gleichzeitig die Angst vor dem Berühren und das damit verbundene Eindringen in die persönliche Zone des Trägers. Die Kollektion spielt mit diesen zwiespältigen Gefühlen und fordert Betrachter und Träger heraus.
Würdigung
Die Auszeichnung der Modekollektion Inside Out mit dem Bayerischen Staatspreis für Nachwuchsdesigner 2008 gilt der innovativen Idee, ein gewöhnliches Material höchst ungewohnt zu verarbeiten, es einer neuartigen kreativen Gestaltung zuzuführen und damit etwas Außergewöhnliches zu erreichen. Es geht um die Verwendung von Haaren.
Das kreative Potential der Arbeit beeindruckt, werden doch Haare verwendet als Ornament unter transparenten Stoffen, als Füllung eines Steppmantels, als Fetischobjekt, als Flügel und Gloriole, als Fransen und Umhang sowie als Krawatte bis hin zu so etwas Konventionellem wie als langer Rock und als Hose. Haare werden als Metapher für männliche Stärke und für weibliche Erotik thematisiert ebenso wie als ein wiederkehrendes Element in der Kunst des Surrealismus.
Der vielfältigen ästhetischen Gestaltung entsprechen ebenso vielfältige Verarbeitungstechniken von Natur- und Kunsthaaren; sie sind geknüpft, geklebt, genäht, gewachst und verfilzt sowie als digitaler Print eingesetzt.
Die 13 fertigen Modelle decken die Bandbreite von Mode als Angewandte Kunst bis zu konfektionstauglicher Mode ab, wie dies nicht zuletzt eine detaillierte Preiskalkulation der einzelnen Modeteile beweist.
Diese, sowohl in kreativer und materieller Hinsicht als auch nach ökologischen Kriterien, außergewöhnliche Arbeit verdient den Bayerischen Staatspreis für Nachwuchsdesigner 2008. Gratulation!
Prof. Dr. Ingrid Loschek
Hochschule für Gestaltung, Technik
und Wirtschaft, Pforzheim
