Bayerischer Staatspreis für Nachwuchsdesigner

Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie

Martin Hilpoltsteiner


Recreating Movement
Werkzeuge zur Untersuchung filmischer Abläufe


Diplomarbeit
Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt
Fachbereich Gestaltung | 2005
Betreuer: Prof. Erich Schöls
Prof. Kerstin Stutterheim

Recreating MovementRecreating MovementRecreating Movement

Staatspreis Kommunikationsdesign

Recreating Movement ist ein interaktives Werkzeug zur Untersuchung von Filmsequenzen in einem dreidimensionalen Raum. Neue Einblicke in die Struktur von Filmmaterial und Bewegungsabläufen werden mittels verschiedener Filter und Einstellungsoptionen möglich. Das Werkzeug extrahiert die Einzelbilder einer Filmsequenz und ordnet sie im dreidimensionalen Raum hintereinander an. Es entsteht ein schlauchartiger Komplex der eine bestimmte Zeitspanne eines Films „einfriert“. Die Navigation erfolgt durch die Tastatur und ermöglicht jede beliebige Ansicht der Filmsequenz. Eine Menüleiste kann eingeblendet werden, um direkt Einfluss auf die Einzelbilder zu nehmen. Neben Grundfunktionen, wie z. B. Einstellung der Bildabstände, Bildauswahl, Vorschau oder Abspielfunktionen, gibt es eine Vielzahl nützlicher Zusatzwerkzeuge. Unter anderem können bestimmte Farbbereiche eines Bildes entfernt werden, so dass nur das Hauptmotiv dargestellt wird. Ein komplexer Bewegungsablauf wird dadurch zu einer Informationsgrafik, die vergleichbare Größen abbildet.

Würdigung

Recreating Movement – Werkzeuge zur Untersuchung filmischer Abläufe nennt Martin Hilpoltsteiner seine Arbeit. Bewusst weist er auf den Werkzeugcharakter hin,  somit wird das zu Bearbeitende, das Werkstück – hier zeitbasierte Vorgänge – zum eigentlichen Objekt seiner Gestaltung. Das Prozessuale und die Variabilität wird zur kommunikativen Qualität. Kommunikationsdesign im besten Sinne und gleichzeitig eine Manifestation eines Paradigmenwechsels im Kommunikationsdesign. Nicht mehr das solitäre, abgeschlossene Designprodukt (Magazin, Buch, Plakat etc.) ist zunehmend Mittelpunkt grafischer Auseinandersetzungen, sondern das Visualisieren, das Filtern und das Analysieren von komplexen Prozessen. Es macht Sachverhalte somit erfahrbar, erkennbar und interpretierbar. Gestaltung ist hier wirklich interdisziplinär und interaktiv, besetzt also Positionen zwischen den unterschiedlichen Disziplinen, vermittelt, verbindet, erweitert und ermöglicht einen höheren Grad an Verständnis und Erkenntnis. Nicht zuletzt schafft es neue und nachhaltige Tätigkeitsfelder für Kommunikationsdesignerinnen und -designer. Das von Martin Hilpoltsteiner entwickelte interaktive Programm Recreating Movement visualisiert Details in Bewegtbildabläufen und trennt dadurch Wichtiges von Unwichtigem. Auf Grund der vielfältigen Bearbeitungsmöglichkeiten ist dieses Werkzeug auch für wissenschaftliche Untersuchungen einsetzbar und kann dank seiner intuitiven Navigationsstruktur ohne lange Einarbeitungszeiten genutzt werden. Recreating Movement nutzt für seine Darstellung filmischer Abläufe in Einzelbilder den dreidimensionalen Raum. Dabei werden die Motive entlang der z-Achse hintereinander gestellt. Aus den Einzelbildern, die im Film normalerweise nur den Bruchteil einer Sekunde zu sehen sind, entsteht ein schlauchartiger Komplex, der eine Filmsequenz „einfriert“. Der große Vorteil dieser Darstellung liegt in der Informationsvermittlung, da sich durch die räumliche Wahrnehmung der Inhalt eines Films auf mehreren Ebenen erschließt. So können Bewegungsabläufe ebenso grafisch vermittelt werden, wie akustische Merkmale, Farben oder ID-Tags (übergeordnete Einzelbild-Informationen). Das Programm ist in seiner Struktur äußerst innovativ aufgebaut, denn der Dialog zwischen Interface und Objekt ist sehr direkt und die Navigation folgt einer schlüssigen Grammatik. Als offenes System erlaubt es den Einsatz in vielen Bereichen. Neben den klassischen Feldern der Filmbewertung oder -gestaltung kann es auch in der Industrie oder der Wirtschaft eingesetzt werden. Bei einigen Aufnahmen von Crash-Tests in der Automobilindustrie wird deutlich, wie vorteilhaft und exakt Recreating Movement arbeitet. Komplexe Videoaufnahmen können durch eine rasche Bearbeitung grafisch zu einer Liniendarstellung umgewandelt werden, was den direkten Vergleich mehrerer Fahrzeuge in idealer Weise erlaubt. Recreating Movement ist in seiner Design-Qualität deshalb so bemerkenswert, weil es als grafisches Werkzeug auf visuelle Art Aufgaben in unterschiedlichen Bereichen lösen kann. Es ist nicht das Design einzelner Buttons oder die Farbigkeit der Screens, die den alleinigen Reiz dieser Arbeit ausmachen, sondern die Tatsache, dass aus einer erkannten Problemstellung mittels visueller Kommunikation und der Entwicklung einer informationsarchitektonischen Logik ein innovatives Produkt mit kulturellem und wirtschaftlichem Wert entstanden ist.

Prof. Uli Braun
Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt

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